Höhenflüge an der Börse

 

 

 

Was haben ein Skilehrer, 85% und 2/10 Tesla gemeinsam?

 

Prolog: In einer Zeit, in der sich die positive Entwicklung der Börsen angesichts der trüben Aussichten für die Realwirtschaft kaum erklären lässt, hilft vielleicht ein Blick in die Vergangenheit.

 

I. Der Skilehrer

 

Dezember 1986. Am Skiliftbügel neben mir fuhr Köbi. Köbi, braungebrannt mit der roten Skilehrerjacke und goldigem Abzeichen; ein Abbild von Gigi von Arosa. Nachdem das "Woher kunnsch?" still quittiert wurde, folgte auf das "Was machsch?" gleich ein angeregtes Gespräch über Aktien bzw. Aktienoptionen. Köbi, so stellte sich heraus, war eigentlich Skilehrer im Nebenamt und im Hauptberuf Börsenspekulant. Nicht dass er dies von sich selbst behauptete, nein. Er war Skilehrer, doch weil sich mit Aktienoptionen so viel Geld verdienen liess - "s'kunnt inna wia Heu" - hat Köbi Aktienoptionen gekauft und verkauft, so dass es einer Person "vom Fach", wie ich eine zu sein glaubte, Angst und Bang wurde.

 

Oben am Berg angekommen, beschäftigte mich sein ungebrochener Optimismus noch lange danach. Seine markigen Worte: "Was i au kaufe, 's gaht nur uffa!" hallten nach. Noch Wochen bzw. Monate. Auch im Büro, wo wir uns mit Vermögensverwaltung, Risikodiversifikation und effizienten Anlageformen beschäftigten.

 

Am Montag, 19. Oktober 1987, verlor der Dow Jones 23%. Wie erging es wohl Köbi?

 

II. 85%

 

Im Januar 2000 durfte ich einen Interessenten empfangen, der sich Gedanken darüber machte, mir bzw. der Bank, seine Vermögenswerte anzuvertrauen. Das Gespräch verlief gut. Er erzählte von seinen Eltern und Geschwistern, die im 2. Weltkrieg verschwanden und wahrscheinlich umgebracht wurden. Berührende Schicksale. Ich blickte in sein Gesicht. Seine Furchen und sein Schalk zeigten mir: ein weiser, trotz schwieriger Vergangenheit humorvoller Mann. Er muss viel erlebt haben.

 

Der Dialog entwickelte sich sehr positiv. Innerlich jubelte ich, denn die Anlagesumme lag bei über 10 Mio. Franken. Ein schönes Geschäft, wie es nicht alle Tage vorkommt. Als ich ihm die Vertragsdokumente vorlegte und zur Unterschrift den Kugelschreiber zückte, sagte er: "Im letzten Jahr habe ich an der Nasdaq 85% verdient. Wenn Sie mir ein solches Resultat auch in Zukunft garantieren, dann werde ich mit Vergnügen Ihr Kunde!" Ein solches Versprechen konnte ich ihm nicht geben.

 

Im März 2000 platzte die Dotcom Blase. Der Nasdaq Index fiel von 5'000 auf unter 2'000 Punkt in nur einem Jahr. Den potentiellen Kunden habe ich nie mehr gesehen.

 

III. Tesla

 

In der Financial Times las ich vor einigen Wochen die Geschichte eines 10jährigen, der seiner Mutter sagte: "Ich will Tesla Aktien kaufen!" Mit nur 150 Dollar im Sparschwein eröffnete ihm die Mutter ein Wertschriftendepot bei einem Discount Broker, der den Handel von Aktien-Fraktionen ermöglichte. Rasch war das Sparschwein geknackt und 2/10 Tesla gekauft. 150 Dollar in bar bezahlt und die fehlenden zwanzig mit einem Lombardkredit zu 5% Zins p.a. finanziert.

 

Im gleichen Artikel fand ich den Begriff FOMO. Ich kannte das Akronym TINA (There Is No Alternative - to equities), doch die Aufschlüsselung zu Fear Of Missing Out fand sich erst etwas weiter unten im Text.

 

Eine Tesla Aktie notierte vor vier Wochen bei USD 850, heute steht der Preis bei 1'500 Dollar. Ob der Junior noch weitere fractional shares mit geborgtem Geld gekauft hat, weiss ich nicht.

 

Epilog: Auch wenn sich die Geschichten von damals kaum exakt wiederholen werden, empfehle ich aus den Erfahrungen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

 

Marcus H. Bühler

 

Kommentieren

Zurück zur Übersicht