Brainfood 1.10.2021

 

Wärmer anziehen

ist angesagt. Dies gilt auch für die Anleger, die sich auf einen Wetterwechsel an den Finanzmärkten einstellen sollten. Drei Monate hat sich diese Kolumne in die Sommerpause verabschiedet. Grund dafür war nicht Bequemlichkeit, aber zur Jahresmitte war für den Moment alles gesagt: "..die Finanzmärkte gehen einem "Peak" entgegen. Mit Blick auf die nächsten 6-9 Monate stellen wir uns auf einen Rückzug der Pandemie ein, der Wachstumsschub der globalen Wirtschaft schwächt sich ab, die überschiessenden Inflationsraten verflachen und die Zentralbanken werden sich um das Tapering ihrer Geldpolitik bemühen müssen.."

 

Nun also kommt Bewegung ins Geschehen. Da sind zum einen die hohen Inflationsraten, welche in den nächsten Monaten die Nerven der Anhänger der "Transitory" Theorie testen werden. Es ist unklar, ob die Inflation in USA zügig genug wieder unter 3 % absinkt, damit ein rascher Anstieg der Zinsen verhindert werden kann. 

 

 

Einen schlechten Eindruck hinterlässt dabei die amerikanische Notenbank. Noch vor einem halben Jahr behauptete Powell, dass erste Zinserhöhungen im Jahr 2024 zu erwarten sind. Nun die Kehrtwende : die Zinsen sollen bereits nächstes Jahr, nach Abschluss des QE Programms, angehoben werden. Zur Erinnerung: das Fed kauft monatlich für $120 Mrd. Staatsanleihen und Hypothekenpapiere. Ab November ist geplant diese Käufe zurückzuführen. 

Hier sei die Prognose gewagt, dass die Kaufprogramme nicht beendet werden (können), weil die Märkte ohne stetige Liquiditätszufuhr eher früher als später in Turbulenzen geraten. Das Fed kämpft aber nicht nur mit den eigenen Vorhersagen, sondern hat auch noch anderweitig Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Dass gleich zwei regionale Fed Präsidenten innerhalb weniger Tagen wegen ihren privaten Wertschriftengeschäften zurücktreten müssen, ist eine Peinlichkeit sondergleichen. 

Der Pfad der Inflation in den nächsten Monaten ist die wichtigste Determinante für die weitere Entwicklung. Hohe Bewertungen an den Aktien- und Obligationenmärkten stehen in Abhängigkeit von anhaltend lockerer Geldpolitik und ultra tiefen Zinsen.

Steigende Inflationsraten hingegen wären ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft mit den vielerlei erkennbaren Lieferengpässen, Transportproblemen, Mangel an Arbeitskräften und chaotischen Zuständen an den Energiemärkten ins Stocken gerät. Das Risiko stagflationärer Tendenzen steigt, wie Nouriel Roubini treffend beschreibt: "Goldilocks is dying.

 

 

 

 

 

China, die globale Wachstumsmaschine

ist unpassenderweise keine Unterstützung. Ganz im Gegenteil überstürzen sich dort die Ereignisse. Die Regierung stellt in diesem Jahr so ziemlich alles auf den Kopf in ihrem Bestreben, die Wirtschaft des Landes in den für sie richtigen Bahnen zu halten. Angefangen hat es mit der Demontage im Tech- und Bildungssektor, gefolgt vom Durchgriff im Kryptobereich. Der Niedergang von Evergrande hingegen steht stellvertretend für die Wende am chinesischen Immobilienmarkt, notabene ein Thema, das schon seit einem Jahrzehnt Faszination ausübt (China's empty homes are worth watching, The Atlantic, Juni 2011) Erstaunlich ist nur, dass es bis zum Platzen dieser Blase so lange gedauert hat. Last but not least kämpft auch China neuerdings mit Schwierigkeiten mit der Energieversorgung.

Aus dem Bürosessel in Zürich heraus ist es eher schwierig, eine nützliche Aussage über den Zustand der chinesischen Volkswirtschaft zu machen. Aber die Einschätzung  fachkundiger Ökonomen, dass die Tage des jährlichen 7 % Wachstums gezählt sind, macht Sinn. Die schuldenfinanzierte Expansion mit grotesken Fehlinvestitionen hat das Ende der Nachhaltigkeit erreicht.

 

 

 

Nachhaltigkeit

liefert das Stichwort um von China auf eine andere Beobachtung überzuleiten. Gemäss einem Bericht der Financial Times sind in diesem Jahr von Januar bis Juli $97 Mrd. in ESG ETFs geflossen, weltweit sind mittlerweile $309 Mrd. in diesen nachhaltigen Standardprodukten investiert. "Do good" ist zu einem Imperativ im Asset Management geworden. Der Kampf fürs Klima, gegen Rassismus, exzessive Saläre oder für mehr Diversität steht nicht zur Disposition. Allerdings machen es sich die Anleger und die Produktanbieter teilweise auch sehr einfach.

Nehmen wir das Beispiel von Facebook. Die Aktie ist eine Kernanlage im iShares MSCI USA ESG ETF , der mit einem Volumen von $4.5 Mrd. ein richtiges Schwergewicht ist. Zuckerbergs Unternehmen ist zwar für schlechte Presse bekannt, aber das Wall Street Journal hat kürzlich Facebook in einer Beitragsserie richtiggehend zerlegt. Der lesenswerte Bericht zeigt klar, dass der Social Media Konzern in einem ESG Anlageprodukt nichts zu suchen hat - Greenwashing bleibt auf allen Ebenen ein Problem.

Mit Facebook verhält es sich ähnlich wie mit den chinesischen Immobilien. Alle wissen, dass etwas nicht richtig ist, aber bis sich die Realität durchsetzt dauert es manchmal seine Zeit. Wenn es dann soweit ist, kann es schmerzhaft werden, wie das Beispiel Alibaba zeigt. (China's Tech Crackdown and why it could make US Big Tech Regulation more likely) - sollten sich die Amerikaner dereinst durchringen, ihre Tech Konzerne ernsthaft in die Schranken zu weisen, ist es mit den luftigen Bewertungen vorbei.

 

 

Was tun?

Die Aktienmärkte haben eine lange und steile Erholungskurve hinter sich. Über die vergangenen 18 Monate haben US Aktien 66 % zugelegt, in Europa 48 % und der Schweizer Markt mit den defensiven Schwergewichten immerhin 35 %. Effektiv haben die führenden Indizes erst vor wenigen Wochen noch All Time Highs erzielt und mittlerweile 4 - 6 % nachgegeben. Die Stimmung hat hingegen gefühlt 10 - 15 % korrigiert. Damit einhergehend ist die Unsicherheit gestiegen, ob der Plan der Notenbanken tatsächlich so schlank über die Bühne gehen wird, dass die Inflation kontrolliert sinkt und die Finanzmärkte weiterhin mit reichlich Liquidität versorgt sind. China ist neu zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, der kaum einzuschätzen ist. Die Energiemärkte zeigen aus verschiedenen Gründen grosse Ausschläge. Hier kommen zusätzlich längerfristige Versäumnisse zum Tragen, wie die mangelhaft konzipierte Energiewende in Deutschland oder unterlassene Investitionen in Infrastruktur. Die Chancen für eine scharfe Korrektur sind gestiegen, die Anleger sollten sich entsprechend rüsten. Dazu gehört, auf eine robuste Asset Allocation zu achten, überbewertete Sektoren/Marktsegmente abzubauen oder umzuschichten. Ein Seitenblick lohnt sich allenfalls auf den Ölsektor , wo die Investitionen in den letzten Jahren drastisch vernachlässigt wurden.

 

Christoph Offenhäuser

 

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