Brainfood 20.9.2019

M&A - Es ist hinlänglich bekannt, Fusionen und Firmenübernahmen führen häufig ins Elend. Ein haarsträubendes Exempel für die missratene Transaktion schlechthin ist die Akquisition von Monsanto durch Bayer. Weniger spektakulär, dafür sinnbildlich für die fatalen Folgen, welche halsbrecherische Akquisitionsstrategien haben können, zeigen zwei Beispiele aus der Milchindustrie . Im Falle des neuseeländischen Milchgiganten Fonterra (NZD 20 Mrd. Umsatz, kontrolliert 30% der globalen Milchproduktion!) hat eine ungezügelte internationale Expansion zu Verlusten und einem Schuldenberg von beinahe 8 Mrd. NZD geführt. Das Traditionsunternehmen mit 10'000 Milchbauern als Aktionäre ist ein Sanierungsfall. In Neuseeland heisst es: "We had a loose CEO who was given free rein with a board which did not hold him to account."

Ähnlich gelagert sind die Probleme beim Innerschweizer Milchverarbeiter Hochdorf. Dort hat der vom Verwaltungsrat jahrelang nicht kontrollierte CEO das für die Schweizer Milchwirtschaft wichtige Unternehmen fast in den Ruin geführt.

 

Checks & Balances ist das Stichwort. Damit unkontrollierte Abenteuer zu Lasten der Aktionäre eingedämmt werden, prüft nun der International Accounting Standards Board IASB neue Reportingpflichten für Unternehmen. Konkret müssen übernehmende Firmen ihren Aktionären darlegen, welche finanziellen Ziele mit M&A erreicht werden sollen und im Nachgang detailliert darlegen, ob diese auch erreicht wurden. Miese Deals können so nicht mehr nur einfach in einer Fussnote des Geschäftsberichts entsorgt werden. Ob die Massnahmen nützen, wird die Zukunft weisen. 

In der Zwischenzeit geht das Spiel mit fragwürdigen und hochriskanten Unternehmenstransaktionen ungestört weiter, wie die streitbaren Transaktionen von AMS/Osram und Sunrise/UPC zeigen. 

 

Obligationen  - Die Renditen sicherer Papiere (Staatsanleihen) liegen nahe oder unter Null. Nur unwesentlich mehr Entschädigung bei zusätzlichem Risiko gibt es bei Unternehmens-, Hochzins- oder Schwellenländeranleihen zu holen. Nichtsdestotrotz bleibt die ungeliebte Anlagklasse ein Eckpfeiler traditioneller Wertschriftenportfolios. Wie der quartalsweise Anlagespiegel der NZZ zeigt, investieren die führenden Banken der Schweiz im Durchschnitt ein Drittel der Kundengelder in Obligationen (für ausgewogene Risikoprofile).

 

Die Schlagzeilen von verrückten Phänomenen, wie hundertjährigen Anleihen mit Mini-Renditen (über Oesterreich haben wir schon berichtet), negativ rentierenden Unternehmensanleihen oder ungezügelten Risikoappetit der Investoren (Beispiel Griechenland ) führen unweigerlich zur Frage, ob wir hier Zeugen einer gewaltigen Finanzblase sind. Antworten dazu hat die Financial Times bei einer Umfrage unter Anlageexperten gesucht. Das Ergebnis ist bemerkenswert.

 

Wir teilen die Meinung der Experten nicht. Die Obligationenmärkte sind aufgeblasen, wobei die Risiken bei Staatsanleihen etwas geringer sind als z.B. bei Unternehmensanleihen. In Japan besitzt die Notenbank mittlerweile 50% der Staatsanleihen . Eine echte Preisfindung durch Angebot und Nachfrage findet so nicht mehr statt, bedeutet aber auch, dass die Blase nicht einfach Platzen kann. Die BoJ steuert mehr oder weniger nach eigenem Gusto, ob und wie Luft entweichen soll. In eine ähnliche Richtung entwickeln sich die Zustände in Europa.

Bei Corporate Bonds sind die Gefahren realer. Das Hauptproblem sind Liquiditätsrisiken. Sollten sich die Anleger plötzlich von ihren liquiden ETFs und Fonds trennen wollen, gibt es Probleme, wie jüngst bereits bei GAM oder H20 gesehen. 

Immobilien Schweiz  - Interessantes Zahlenmaterial zu Schweizer Immobilienfonds und Aktien hat die Credit Suisse publiziert. Das Anlagesegment ist vor allem wegen den Ausschüttungen gesucht, aber eingeschenkt haben in diesem Jahr erneut die Kursgewinne. Der Gesamtertrag (Kursgewinne und Ausschüttungen) erreicht bisher bei Immofonds 15.3% und 25.2% bei Immobilien-Aktien.

 

Niemand erwartet in absehbarer Zeit eine zinspolitische Wende von der SNB. Und auch wenn die Negativzinsen endlich aufgehoben würden, hätte das kaum Auswirkungen auf die Attraktivität von Immobilienanlagen. Entscheidender wäre schon eher das Überangebot, z.B. bei Wohnungen zuletzt 75'000 Einheiten. Aber auch das ist ein temporäres Phänomen. Wenn man den Szenarien des Bundes zur Bevölkerungsentwicklung Glauben schenkt, soll die jährliche Einwohnerzahl bis 2030 um 100'00 Menschen wachsen.

Mit anderen Worten: das grosse Bild zeigt, dass Immobilien-Investoren mit einem stabilen Umfeld rechnen dürfen. Trotzdem fallen ein paar Eckwerte auf, die Freunde von Betongold beherzigen sollten:

 

  • Die Ausschüttungsrenditen sind wohl im Vergleich mit Obligationen attraktiv, aber auch nicht mehr so hoch, dass Anleger unbesehen zugreifen sollten: Immofonds 2.6% - Immobilien Aktien 3.1%
  • Die Prämien (gegenüber dem NAV) bei Immobilien-Aktien ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr.

 

Daraus schliessen wir, dass es gegenwärtig keinen Grund gibt, die Anlageklasse in den Depots aufzustocken oder übergrosse Engagements zu fahren.

Vernebelt  - ist der Ausblick für die Tabakindustrie. Allen Unkenrufen zum Trotz hat die verpönte Branche den Investoren in der Vergangenheit ausserordentliche Renditen beschert. In jüngerer Zeit ist allerdings der Druck wieder gestiegen, die Börsenkurse entwickeln sich rückläufig. Die Bewertungen sind tief, die Dividendenrenditen verlockend hoch. Und wie es scheint, ist das Geschäftsmodell mit Tabak in der Gesellschaft immer noch bestens verankert und dies obwohl kein Gesundheitsrisiko so gut dokumentiert ist, wie die schädlichen Folgen des Rauchens. 

Zeit also, die Luft anzuhalten und die unerhörte Frage zu stellen: " Tabakaktien kaufen ?"

Wir sind skeptisch. Die Kampagne unter institutionellen Investoren, sich von Engagements in Philip Morris & Co. zu trennen, war in den letzten Jahren sehr effektiv. Grossanleger wie der norwegische Staatsfonds haben sich schon länger aus dem Sektor verabschiedet. Dieser Trend hält an und lastet auf den Aktien. Fraglich ist ebenfalls, ob die Riesenwette auf E-Zigaretten der Weisheit letzter Schluss ist. Es ist noch kein Jahr her, seit Altria für 12.8 Milliarden Dollar eine 35% Beteiligung an Juul erworben hat. Ob diese Investitionen eine prosperierende Zukunft versprechen, ist unklar. Eine Häufung unerklärlicher Todesfälle und gravierender Lungenschäden hat auf alle Fälle schon einmal den amerikanischen Präsidenten in Aufruhr versetzt, was in der Regel für die betroffene Branche kein gutes Omen ist.

 

Coffee Break - Ein Jahr ist es her, als wir vom Starbucks/Nestlé Deal (Kauf der weltweiten Vermarktungsrechte) und neuer Konkurrenz für die Amerikaner im chinesischen Markt berichteten (Luckin Coffee). Eine der Schlussfolgerungen war, dass für Starbucks die Luft langsam dünner wird. Subjektive Beobachtungen, dass die Begeisterung für Kreationen wie z.B. den Pumpkin Spice Iced Cold Foam Macchiato für CHF 6.90 langsam nachlässt, bestätigen auch Berichte wie letztens über die Schliessung von drei Filialen in Zürich.

Was die Performance der Starbucks Aktie anbelangt, hätte die These aber falscher nicht sein können. Um sage und schreibe 60% legte der Titel seither zu. Wie ist das möglich? Einerseits laufen die Geschäfte der Kaffeekette im Heimmarkt ordentlich, international erfolgt die Expansion nach Plan (Asien) und vor allem dreht Starbucks mittels Financial Engineering ein grosses Rad. 2018 kaufte das Unternehmen Aktien im Wert von USD 3.1 Mrd. zurück, in den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres waren es bereits rund 8 Milliarden. Gleichzeitig hat sich die Verschuldung in den letzten Jahren verdreifacht, Stand Ende 2018 USD 9.5 Mrd. 

Wir wagen keine Prognosen mehr, denn in diesen Zeiten scheint an den Finanzmärkten alles möglich zu sein. Um den Kreis zu schliessen, bemühen wir noch einmal die eingangs erwähnte Nestlé Aktie. Diese ist nach aussergewöhnlichen Gewinnen ebenfalls teuer bewertet (2019 KGV 23.9), was im Vergleich mit Starbucks aber beinahe wie ein Schnäppchen aussieht (KGV 32). Die Wahl ist somit einigermassen klar, wobei hinter die Bekömmlichkeit dieser sogenannt defensiven Werte grosse Fragezeichen zu setzen sind.

 

Weekend Brainfood ist unsere Auswahl an Beachtenswertem, das im Verlauf der Woche aufgefallen ist. Kuratiert und ergänzt mit eigenen Meinungen.

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