Brainfood 29.11.2019

Einen Blick in die Zukunft - offeriert die UBS mit ihrer Publikation "Year ahead 2020". Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, neben dem Ausblick 2020 (Jahr der Entscheidungen) auch die wichtigsten Trends bis 2030 (Jahrzehnt des Wandels) zu definieren. Wir haben das 72seitige Dokument zusammengefasst:

 

2020 - Jahr der Entscheidungen

Die Strategen der UBS wirken ziemlich ratlos, was die Perspektiven für die nächsten 12 Monate anbelangt. Gemeinplätze wie: "Wir erwarten , dass das Wachstum gedämpft bleiben wird, während sich die Welt auf die neuen politischen Realitäten einstellt." oder "Ob US-Wahl, Handelsgespräche oder Wirtschaftspolitik - die Unsicherheit in beide Richtungen ist grösser als gewöhnlich", helfen dem Anleger nicht wirklich weiter. 

Anlagetechnisch sieht das dann so aus: "Im Aktienbereich raten wir in einer spätzyklischen Welt mit niedrigen Renditen zu Qualitäts- und Dividendentiteln, mit einem globalen Fokus sowie zu binnenkonjunktur- und konsumorientierten Unternehmen - Im Anleihenbereich raten wir zu einem Mittelweg, da die Renditen der sichersten Anleihen sehr niedrig sind und die Kreditrisiken wachsen."

 

2030 - Das Jahrzehnt des Wandels

Für die nächsten 10 Jahre geht die UBS von deutlich gedämpften Anlagechancen für die Investoren aus. Die Bank identifiziert sechs Trends, die den Wandel prägen werden:

  1. Deglobalisierung: Protektionistische Tendenzen werden anhalten und die globalen Lieferketten neu strukturieren. Der Welthandel hat den Zenit überschritten. 
  2. Technologische Disruption: eine vierte industrielle Revolution angetrieben von AI, Big Data und 5G Technologie wird Quantensprünge mit hohem Wachstum in einzelnen Branchen auslösen. Andere Industrien stehen möglicherweise vor dem Aus, damit verbunden steigt das Risiko von technologiebedingter Arbeitslosigkeit mit entsprechenden sozialen und politischen Folgen.
  3. Vermögensumverteilung: Die Parteiprogramme von Labour (UK) oder den Demokraten (Warren) deuten an, wohin die Reise geht: Markteingriffe und Zunahme der Regulierung dort, wo hohe Gewinne anfallen. Umverteilung mittels Steuerpolitik bei grossen Vermögen und Einkommen.
  4. Geldpolitik 3: Auch die UBS deutet an, dass in den nächsten Jahren mit neuartigen geldpolitischen Massnahmen zu rechnen ist. Konkret könnten die Zentralbanken den Konsumenten direkt Geld auszahlen, um die Konjunktur anzukurbeln.
  5. Demografischer Wandel: Alterung in den westlichen Industriestaaten und Bevölkerungsexplosion in Schwellenländern führen zu ganz unterschiedlichen Herausforderungen: Stichwort Altersvorsorge hier oder Ressourcensicherung dort.
  6. Umweltschutz : die politischen Risiken durch Markteingriffe steigen, andererseits entstehen Chance durch Innovation und Investition in nachhaltige Technologien.

Fazit für die Investoren: Das Jahrzehnt des Wandels wird niedrigere Erträge und höhere Volatilität bringen als die letzten zehn Jahre. Anleger, die Sicherheit suchen, müssen niedrigere oder sogar negative Erträge in Kauf nehmen. Wer sich nicht mit Null oder Negativrenditen zufrieden geben will, muss die Aktienallokation erhöhen und mindestens kurzfristig substantielle Kursverluste tolerieren können.

Geldmaschine Apple  - Ziemlich genau ein Jahr ist es her, als an den Aktienmärkten darüber sinniert wurde, welcher Techgigant zuerst die 1-Billion-USD Marktkapitalisierung erreichen wird. Die Nase vorn hat für den Moment Apple mit USD 1.2 Billionen, gefolgt von Microsoft mit 1.1 Billionen.

In den Fokus der Finanzgemeinde ist Apple neuerdings geraten, weil die Aktie mit einem aussergewöhnlichen Kursanstieg von 70% in diesem Jahr aufgefallen ist. Mittlerweile nun vereinigt das Unternehmen soviel Marktkapitalisierung auf sich wie der gesamte amerikanische Energiesektor

Das ist bemerkenswert. Noch erstaunlicher aus Schweizer Sicht ist dieser Vergleich: alle (!) Blue Chips des Swiss Market Index bringen zusammen 1.3 Billionen Franken auf die Waage. 

 

Nun sind diese Zahlen kein Zufall, denn Apple wie auch die anderen Tech-Titanen sind dank ihrer einmaligen Marktstellung effektive Geldmaschinen. Hohe Gewinne, gepaart mit einer Prise Financial Engineering führen zu diesen aussergewöhnlichen Bewertungen. Hier ein paar Eckwerte, die im Fall von Apple bedenkenswert sind:

 

  • Umsatz: 2015: USD 233 Mrd. / 2019: USD 260 Mrd.
  • Gewinn: 2015: USD 53.4 Mrd. / 2019: USD 55.2 Mrd.
  • Gewinnsteuersatz: 2015: 26.4% / 2019: 15.9%
  • Kumulierte Aktienrückkäufe seit 2015: 429 Mio. Aktien im Wert von 68.5 Mrd. USD
  • Langfristige Schulden: 2015: USD 53.3 Mrd. / 2019: USD 91.8 Mrd.
  • Eigenkapital: 2015: USD 119.3 Mrd. / 2019: 90.5 Mrd.
  • Geschäftsjahr 2019: Aktienrückkäufe im Wert von 19.3 Mrd. USD + Dividende von USD 14 Mrd. 
  • Umsatzanteil iPhone: >50%

 

Louis Vuitton  - Während die Europäer im Bereich Technologie von den Amerikanern längst abgehängt wurden, herrschen sie über die Welt des "guten Geschmacks". LVMH, das Powerhouse der Luxusgüter , z.B. erzielt mit 140'000 Mitarbeitern einen Umsatz von EUR 46.8 Mrd. Der Gewinn erreicht dabei knapp 7 Mrd. EUR. 

Ähnlich wie bei Apple ist eine Produktsparte besonders erfolgreich. Mode und Lederwaren sind für 40% des Umsatzes und 60% des operativen Gewinns verantwortlich. Wie die Financial Times errechnet hat, bewegt sich der Wert von "Fashion&Leather" bei rund 125 Mrd. EUR (Gesamtkapitalisierung 200 Mrd. EUR). Das ist eine üppige Prämie, wenn man bedenkt, dass die Investoren in diese "Handtasche" gleich UBS, Credit Suisse, Deutsche Bank, Société Générale und Commerzbank mit einpacken könnten.

Zugegeben, Banking ist riskanter, volatiler und steht technologisch im Umbruch. Aber die Begeisterung für LVMH ist auch nicht ohne Risiken. 30% des Konzernumsatzes erzielt das Unternehmen in Asien, hauptsächlich China und Hong Kong. Dass sich die geografische Ausrichtung nach Osten durchaus negativ bemerkbar machen kann, zeigen die Beispiele Richemont und Swatch . Beide Titel sind gegenüber LVMH schwer im Hintertreffen.

Bei welchem Unternehmen die Anleger mehr Wert finden, beweist LVMH gleich selber. Für die Übernahme von Tiffany bieten die Franzosen USD 16.2 Mrd. Swatch, gemessen an Umsatz und Gewinn ziemlich genau doppelt so gross wie Tiffany, wird an der Börse lediglich mit 14.5 Mrd. Franken bewertet.

Die OECD Steuerreform - ist ein Schreckgespenst für die Schweiz. Das ursprüngliche Ziel war es, digitale Geschäftsmodelle von Firmen wie Google, Amazon, Microsoft oder Facebook lokal besteuern zu können, was für die Schweiz keine Auswirkungen hätte. Die Ambitionen gehen mittlerweile viel weiter. Globale Konsumgüter-Multis sollen zukünftig einen Teil ihrer Gewinne an die "Marktstaaten", also Länder mit grossen Märkten wie Brasilien, China oder Indien abführen. Ergänzend sollen global Mindeststeuersätze eingeführt werden.

Wenn sich diese Bestrebungen durchsetzen, dann zahlen kleine Länder mit einem Tiefsteuer-Regime und einer grossen Konzentration von internationalen Firmensitzen einen hohen Preis. Gemäss Schätzungen des Bundes sind in der Schweiz Firmensteuern bis zu 5 Milliarden Franken jährlich in Gefahr. Die gesegneten Zeiten von hohen Budgetüberschüssen könnten demnach bereits in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören.

Was sagen betroffene Firmen selber zum angestrebten Systemwechsel? Gemäss dem Steuerchef von Nestlé gehen die Regeländerungen zu weit, zielen einseitig auf Grossunternehmen ab und verursachen hohe administrative Kosten. Ausserdem sei nicht auszuschliessen, dass gerade die Digitalkonzerne nicht tangiert würden, weil sie ihre Dienstleistungen nicht an Konsumenten sondern Firmen verkaufen.

Dass diese Einschätzung möglicherweise nicht falsch ist, zeigt die gelassene Haltung von Amazon: "..the plans are an important step forward and the company will continue to actively support and contribute to the OECD's work to achieve a consensus-based solution."

Zu Amazon diese Beobachtung: Im Jahr 2018 bezahlte das Unternehmen in den USA keine Gewinnsteuern, obwohl ein Jahresgewinn von USD 11.2 Mrd. angefallen ist. 

Man braucht kein Feind des Kapitalismus zu sein, um zu sehen, dass es so nicht geht.

 

Die Zwiebel - wird alljährlich am 4. Montag im November in Bern gefeiert. Keine Festlaune im Zusammenhang mit der Knolle kommt hingegen bei den indischen Konsumenten auf. Ebenfalls im Spätherbst steigen jeweils die Zwiebelpreise stark an, denn die grosse Nachfrage trifft auf ein saisonal schwaches Angebot.

In diesem Jahr ist das Preismuster besonders heftig . Die erste Ernte wurde durch grosse Hitze und Trockenheit beeinträchtigt, die zweite ist in einem aussergewöhnlich regenreichen Monsoon untergegangen.  In einem Land,  in dem die Menschen 50% ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, haben solche Preisbewegungen Konfliktpotential. Indien reagiert wie gewohnt mit einem Exportverbot. Dies spürt wiederum der Zwiebel importierende Nachbar Bangladesh, wo notfallmässig eine Luftbrücke für den Import des Grundnahrungsmittels eingerichtet werden musste.

Die Börse in Mumbai lässt der temporäre Tumult naturgemäss kalt. Das gilt auch für die jüngste Konjunkturschwäche oder die Probleme im Banksystem. Im Gegenteil: indische Aktien notieren wie viele andere globale Märkte auf einem historischen Höchststand.

 

Weekend Brainfood ist unsere Auswahl an Beachtenswertem, das im Verlauf der Woche aufgefallen ist. Kuratiert und ergänzt mit eigenen Meinungen.

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