Brainfood 28.12.2020

 

 

 

2020 war ein ordentliches Jahr. Das ist keine Provokation, sondern die Schlussfolgerung, wenn man sich in diesen Tagen die Anlageresultate zu Gemüte führt. Investoren, die ihr Geld unkompliziert in einer BVG konformen Strategie mit rund 40% Aktien investierten, können sich nicht beklagen. Rund 4 % steht der von uns berechnete SPPi - Swiss Pension Performance Index im Plus, was nur unwesentlich weniger als dem durchschnittlichen Ertrag der letzten Jahre entspricht.

 

Natürlich ist es nicht so einfach. Wer zum falschen Zeitpunkt die Nerven verloren, Aktien verkauft und den Wiedereinstieg verpasst hat, liegt wahrscheinlich weit zurück. Selbst wer den "Covid-19-Flash-Crash" stoisch ausgesessen hat, muss nicht zwingend zufrieden sein mit seinem Anlageergebnis. Es ist durchaus möglich, dass man aufgrund einer falschen Positionierung vom Markt abgehängt wurde. Leicht war es überdies, sich im Dickicht der Value-Aktien zu verlieren, nur um aus der Ferne staunend den Raketenstart der Tech-Aktien mitzuverfolgen. Glück hatten hingegen jene, die den Sprung in die Kryptowährungen wagten. Dort konnte manch einer noch die Jahresperformance retten.

 

 

 

Über die Perspektiven für das Anlagejahr 2021 haben wir bereits berichtet. Rendite gibt es nur mit Aktien zu holen. Mantramässig servieren uns die Anlageexperten die gleiche Menuauswahl: die Zinsen bleiben tief, Inflation könnte ein Problem sein, aber jetzt noch nicht und Aktien repräsentieren die attraktivste Anlageklasse auch wenn sie recht teuer sind und die Weltwirtschaft wird zu einer imposanten post-Covid Erholung ansetzen.

So sieht es auch die Credit Suisse. In ihrem Ausblick für  das Potential der Finanzmärkte   erwartet die Bank im nächsten Jahr beispielsweise einen Gesamtertrag von 7.1 % für Schweizer Aktien. Wenn man bedenkt, dass Schweizer Dividendenpapiere dem Anleger über die letzten 20 Jahre im Durchschnitt 4.40 % p.a. (inklusive dem Dotcom Crash, der Finanzkrise 08/09 und der Covid-19 Pandemie) einbrachten, scheint uns ein gutes Jahr zu erwarten.

Zum Jahreswechsel befinden wir uns nun an einer interessanten Wegmarke. Während Europa grösste Mühe bekundet, die Infektionszahlen unter Kontrolle zu bringen und mit Lockdowns das gesellschaftliche Leben erneut herunterfährt, läuft die globale Impfkampagne an. Der Erfolg oder Nichterfolg der Impfungen ist der Schlüssel zur weiteren Entwicklung an den Finanzmärkten und darüber hinaus.

 

Vor diesem Hintergrund ist uns die Studie eines britischen Beratungsunternehmens aufgefallen. Eine Umfrage unter 200 Ökonomen, Anlagestrategen und Fondsmanagern hat ergeben, dass über 70 % der Befragten steigende Aktienmärkte erwarten. Gemäss den Autoren der Studie ist das die höchste Konzentration einer Konsensmeinung die bisher zu beobachten war. Die Warnung dazu ist explizit: Die fehlende Expertise über die wirtschaftlichen Effekte von Pandemien und dem Rollout des Impfstoffs führen zu einem gefährlichen Herdenverhalten.

 

 

 

Geld verwalten heisst vorallem auch Risiken managen. Das vergangene Jahr war in dieser Hinsicht mehrfach bemerkenswert. Zum einen haben die Kursschwankungen alle bisher gesehenen Masse gesprengt und andererseits wurden wir von einem Ereignis überrascht, das als Risiko bestens bekannt und dokumentiert war. Bill Gates' Pandemie Warnung aus dem Jahr 2015 ist diesbezüglich beinahe legendär und zeigt eindrücklich, dass wir weder als Gesellschaft und folglich noch als Anleger in der Lage sind, uns angemessen auf offensichtliche Risiken vorzubereiten.

 

 

 

 

Der Blick auf das Panikbarometer VIX (oben) täuscht nicht: Krisen kommen und gehen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Natürlich können wir darüber rätseln, wann uns die nächste Pandemie ins Haus steht. Andere Risiken scheinen da mindestens so wahrscheinlich. Die Gefahr eines Blackouts taucht sporadisch in den Medien auf, vorallem im Zusammenhang mit der geplanten Energiewende. Schon vor zehn Jahren   z.B. warnte der Netzbetreiber Swissgrid vor den Risiken eines landesweiten Stromausfalls. Der Schaden wurde damals auf drei Millionen Franken pro Minute für die Schweiz veranschlagt (!). Ein 48stündiger Stromausfall würde demnach über 8 Mrd. Franken kosten. 

Selbstverständlich ist es nicht zielführend, sich tagein und tagaus über die nächste Kalamität den Kopf zu zerbrechen. Sicher ist es aber hilfreich, sich bewusst zu sein, dass der nächste schwarze Schwan wahrscheinlich bereits unter uns ist: Der "stille Kalte Krieg" im Cyberspace hat zweifellos das Potential für eine entsprechende Eskalation.

Beinahe unbemerkt im Lärm um mutierte Viren und Impfstrategien wurde in diesen Tagen ein schwerwiegender Cyber Angriff auf die unbekannte Software Firma Solarwinds bekannt. Über die Produkte dieses Unternehmens kompromittierten Hacker u.a. die Sicherheitsinfrastruktur der USA sowie global 18'000 Firmenkunden. Wie schwerwiegend der Vorfall tatsächlich ist, kann möglicherweise nie ganz geklärt werden. Nicht unbedingt beruhigend ist die Mitteilung des US Energiedepartements, dass "bisher" keine Hinweise darauf bestehen, dass die Angreifer in das "Nuclear Weapons Management Network" eingedrungen sind.

 

Die logische Frage zu diesen Ausführungen lautet: kann und soll man sich als Anleger vor solchen "Tail Risks" schützen? Die Antwort darauf ist eine Empfehlung. Überprüfen Sie regelmässig Ihe Risikofähigkeit und daraus abgeleitet die gewählte Anlagestrategie. Das ist ein guter Weg, um Panik im Krisenfall zu vermeiden und angemessen zu reagieren. Die Ereignisse in diesem Jahr sind das beste Beispiel dazu.

 

Zum Abschluss ganz im Sinn von "Brainfood" noch der Hinweis auf einen im Wall Street Journal publizierten Artikel zur Aufnahme von Tesla in den S&P 500 Index. Bei den vielen Ungereimtheiten, welche dieses Jahr an den Finanzmärkten zu Tage getreten sind, gehört die Saga um dieses Unternehmen sicher zu den Highlights, das auch im 2021 noch für Gesprächsstoff sorgen wird.

 

Christoph Offenhäuser

 

 

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