Der Blick vom Weissenstein

 

Dem Arbeitsmarkt steht ein Härtetest bevor. Einer der Gründe, heute den Blick vom Weissenstein auf zwei Persönlichkeiten zu richten, die sich täglich mit ArbeitnehmerINNEn und ArbeitgeberINNEn beschäftigen: 

Lieber Hannes, vielen Dank, dass Du Dich für dieses Gespräch zur Verfügung stellst. 

Wie geht es Dir?

Mir geht es sehr gut. In der Firma verfügen wir über einen soliden, breit abgestützten Auftragsbestand und eine gut funktionierende IT-Infrastruktur. Die Liquidität ist auch ohne Corona Kredit gesichert und es zahlt sich aus, dass wir unseren Wirkungsbereich schon vor Jahren konsequent auf die Besetzung von Schlüsselpositionen fokussiert haben. Vakanzen auf Stufe Geschäftsleitung und Verwaltungsrat müssen auch in Zeiten der Krise zeitnah und - mehr als sonst noch- mit kompetenten und zupackenden Persönlichkeiten besetzt werden. Der anfänglich ungewohnte Home Office Setup bewährt sich grösstenteils. Auch privat gibt es keinen Grund zu klagen: Wir sind alle gesund und machen das beste aus der aktuellen Situation.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Privat kann ich den veränderten Rahmenbedingungen viel Positives abgewinnen. Ich bin im Januar 2020 Vater geworden und erlebe durch die Verlagerung meiner beruflichen Aktivitäten ins Home Office die Entwicklung meines Erstgeborenen viel näher und bewusster. Ausserdem verbringe ich mehr Zeit in der Küche als unter normalen Bedingungen. Meine Frau scheint es auch zu geniessen, dass ich zu Hause mehr präsent bin als sonst. Das bilde ich mir zumindest ein.

 

Im Tagesgeschäft fallen zwei Dinge auf: Ein Grossteil meiner Arbeit beruht auf der Interaktion mit Kunden und Kandidaten. Vieles lässt sich diesbezüglich bequem und recht zufriedenstellend via Videokonferenzsysteme abwickeln. Das Wegfallen der Reisetätigkeit bedeutet für mich einen grossen Effizienzgewinn. Qualitativ kommt es aber zwangsläufig auch zu Einbussen: Der Beziehungsaufbau via Bildschirm ist in Bezug auf das Business Development ein stark limitierender Faktor und in der Evaluation unserer Kandidaten - notabene unsere eigentliche Kerndienstleistung - geht eben doch nichts über ein physisches Treffen. Viele Nuancen der nonverbalen Kommunikation gehen auf dem digitalen Weg verloren. Aus diesem Grund halten wir, wo immer möglich an physischen Treffen mit Kandidaten, die sich in der engeren Auswahl befinden, fest.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt? Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Erstaunt hat mich die Disziplin und die Konsequenz mit welcher wir alle unser gewohntes Leben angepasst und eingeschränkt haben. Trotz fehlenden physischen Kontakten funktioniert der Austausch via Telefon und anderen digitalen Medien sehr gut. Dieser gemeinsame Nenner führt auch in den vielen Gesprächen mit Kunden unterschiedlicher Industrien zu sehr offenen und vertrauensvollen Diskussionen.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Ich bin überzeugt, dass wir als Gesellschaft langfristig wieder in gewohnte Fahrwasser zurückkehren werden. Nach grösseren Krisen werden immer wieder Stimmen laut, die behaupten, dass eine Zäsur uns zu einem Umdenken und zur Anpassung unseres hedonistisch geprägten Lifestyles zwingt. Hier bin ich weniger idealistisch. Für die wirtschaftliche Entwicklung ist es wohl - zumindest kurzfristig - besser, wenn wir rasch wieder in alte Verhaltens- und Konsummuster zurückfinden.

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekte der Krise?

Die Krise als Katalysator oder dass man eben nur bei Ebbe sieht, wer ohne Badehose schwimmt! Im Nachgang der Krise werden sich die Verantwortlichen unterschiedlicher Hierarchiestufen fragen müssen, ob die bestehenden Führungsstrukturen angemessen mit den Widrigkeiten der Krise bzw. den angebots- und nachfrageseitigen Schocks umgegangen sind. Bereits heute lässt sich sagen, dass wir beim Gros unserer Kunden besonnen agierende Führungskräfte und angemessenes, mit ruhiger Hand geführtes Krisenmangement beobachten können. Das stimmt zuversichtlich.

 

Die Rückbesinnung auf das Wesentliche erscheint mir hier zentral. Die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Familie und von Freunden steht plötzlich im Zentrum und damit einhergehend die Erkenntnis, dass vieles von dem was wir als vermeintlich wichtig erachten, es gar nicht ist.

 

Etwas konkreter und auf unseren Arbeitsalltag bezogen, stelle ich fest, dass die Akzeptanz von Home Office auf breiter Front stark zugenommen hat. Ich hoffe, dass sich daraus dauerhaft flexiblere Arbeitsmodelle etablieren können. Das würde sich auch positiv auf unsere notorisch überlastete Verkehrsinfrastruktur auswirken.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Die Geschichte wiederholt sich - aber nur teilweise. Wir betrachten die Zukunft immer durch die Brille der Vergangenheit. Selbstverständlich ist es wichtig, die richtigen Lehren aus vergangenen Krisen zu ziehen. Es zeigt sich aber immer wieder von Neuem, dass die jüngste Krise nicht einfach eine Wiederholung ihrer Vorgänger ist. Es liegt in der Natur einer Krise, dass wir sie nicht oder nur ungenügend antizipiert haben. Trotzdem muss eine der Lehren aus dieser Pandemie zwingend sein, dass wir uns individuell und als Gemeinschaft besser auf solche Ereignisse vorbereiten. Das nächste Virus, welches auf die Menschheit überspringt und unsere Gesundheit und unseren Lebensstil bedroht, wartet bestimmt schon in einem mehr oder weniger exotischen Zwischenwirt. Wir können der nächsten viralen Bedrohung (dazu zähle ich auch eine allfällige 2. Welle von Covid-19) nicht noch einmal mit einem teilweisen oder vollständigen Lockdown begegnen. Das können wir uns kein zweites Mal leisten.

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, hat das in einem seiner kürzlich publizierten Leitartikel sehr treffend formuliert. Er stellt die Selbstverantwortung jedes einzelnen ins Zentrum und spricht dabei vom kategorischen Imperativ des Seuchenzeitalters: "Handle so, als hänge der Verlauf der Pandemie von Deinem Verhalten ab."

 

Zum Autor:

Als Partner von Amrop Executive Search berät Hannes Stettler grosse und mittelständische Schweizer Firmen unterschiedlicher Industrien bei der Besetzung von Schlüsselpositionen auf Geschäftsleitungs- und Verwaltungsratsstufe. Zu seiner heutigen Berufung fand er nach dem BWL Studium an der HSG und verschiedenen Stationen bei Schweizer Banken im In- und Ausland und einem MBA Studium am INSEAD.

 

Lieber Ernst, vielen Dank, dass Du Dich für dieses Gespräch zur Verfügung stellst.

Wie geht es Dir?

Bin seit Beginn immer noch aktiv in der Beratung. Mit der Sperre haben wir auf Internet-Begleitung gewechselt und die laufenden Kurse so zu Ende gebracht. Doch dann hat das Seco alles abgesagt, obwohl wir die einzigen waren, die bereits vor dem Lockdown auf Internet gewechselt hatten. Aktuell kämpfen wir für die Öffnung und die 1:1 Betreuung über Zoom. Erste Kurstage haben wir kantonal bewilligt bekommen. Wir haben aber auch positive Rückmeldungen von unseren Kandidaten, die Probleme des Adressaten anzusprechen, Hilfe anzubieten - also initiativ auf Firmen zuzugehen.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Ich muss mich besonders vorsichtig bewegen, da meine Partnerin als Leitung Pflege im Altersheim Gehren in Erlenbach arbeitet. Gemeinsam diskutieren wir über die Probleme, welche die Bewohner haben, aber auch über die präventiven Massnahmen der Pflegenden. Mit Alberto (Schäferhund) muss ich neu Fährten mit vielen Joggern teilen, die früher nicht in der Gegend waren. Selbst im abgelegenen Tobel begegnen wir Leuten.

 

Ich stehe mitten im Umbau meiner Wohnung, wobei die letzten Arbeiten jetzt erledigt werden konnten. Mit den übrig bleibenden Steinplatten konnte ich letzte Woche den Eingang der Ferienwohnung neu gestalten. Ich kaufe neu für meine Mutter ein, besuche sie regelmässig. Sie hat jetzt auch den Lagerkoller, hält sich aber strikt an die vorgeschlagenen Massnahmen.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt? Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Die Pflege des eigenen Netzwerkes gestaltet sich schwierig. Mit Kollegen beschaffe ich medizinische Hilfsmittel. Sind also aktiv im Netz. Persönliche Treffen vermeide ich. Auf Distanz besuchte ich erst einmal meine Tochter, die ihr fünftes Kind geboren hat. Die Geburt klappte wunderbar, den Spitalaufenthalt hat sie bewusst auf die Minimumtage reduziert. Der Familie fallen auch die Mitbetreuer aus, wie die Schwiegermütter. Schön zu hören, dass der Sohn immer mit einem Vorwand den Kontakt sucht, telefoniert und Hilfe anbietet.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Nur mit Opportunisten kann ein Unternehmen die Krise bewältigen! Gefragt sind Führungspersonen, die auch noch so fremde Aktivitäten vorschlagen und dann umsetzen. Mir fehlt die sachliche Distanz der Verantwortlichen. Viele sind gefangen in der Beobachtung der Todesopferzahl und der Ansteckungen. Wieso gibt es nicht Auffangzentren, die ihr Pflegepersonal mit bereits genesenen Pflegenden bestücken? Der Pessimismus ist auch bei den betreuten Stellensuchenden weit verbreitet. Deshalb gehe ich neue Wege, zeige aber auch Resultate: Einladung zum Gespräch, Mandat/Projekt in der Corona Krise des Betriebes, neuer Job.

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekt der Krise?

Ich will als Nebengeschäft medizinische Produkte beschaffen und vertreiben, ohne den Hype in der Preisfindung auszunützen. Mich stört aktuell die Kommunikation über die mögliche Maskentragepflicht. Der Bund hat einfach viel zu wenig Masken. Was ist dann für die Pflichtlager eingekauft worden? Die Signale sind auch idiotisch! Z.B. das Hochfahren der Produktion der Flawa zu zeigen, die weniger als 100'000 Masken pro Tag herstellen kann.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Immer wenn alle sagen "Es ist klar!" - dann ist für mich alles unklar. Wichtig ist in dieser Phase, auf sich selbst zu hören, Zweifel zu unterdrücken, den gewählten Weg zu gehen. Zuwarten ist nicht angesagt. Jede Aktivität hilft aus der Krise heraus.

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Folgt Eurem Bauchgefühl! Setzt um, verführt das Gegenüber mitzulachen! Übernehmt von eurem Hund die immer wieder neu gezeigte Zuneigung, vor allem das Leben in der Vergangenheit, ohne von Gedanken zur Vergangenheit dominiert zu sein! Denkt an Eure Familie, helft Euch gegenseitig, seid einfach für einander da!

 

Zum Autor:

Prof. lic. oec. Ernst Bruderer's's Passion ist das Executive Coaching im Outplacement und der Reintegration von Führungskräften im Arbeitsmarkt. 1992-1996 prägte er als Coach die Siegermentalität des EHC Kloten mit vier Schweizermeistertiteln und war 2008 Sicherheitskoordinator der Fussball EM in der Schweiz. Gefolgt von CEO Mandaten in der Spitalleitung von drei Privatkliniken und mehrjähriger Dozententätigkeit an Universitäten und Fachhochschulen.

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