Der Blick vom Weissenstein

 

Männiglich hat die aufgezwungene Entschleunigung als positiv wahrgenommen und sich beim Zuhause-bleiben-müssen auch gefragt, was man alles umstellen könnte. Nicht nur Möbel, sondern vielleicht auch die eine oder andere Lebensweise und -einstellung; Cocooning mit erwünschten Nebenwirkungen gewissermassen. Die Erkenntnisse, während des Lockdowns und danach, eines Inneneinrichters und einer Architektin können da durchaus nützliche Handlungsanweisungen sein.

Liebe Adriana, vielen Dank, dass Du Dich für dieses Gespräch zur Verfügung stellst. 

Wie geht es Dir?

Mir geht es gut. Mein Alltag besteht aus einem Mix interessanter Arbeit, neuen Perspektiven sowie konstruktiven Erfahrungen. Voller Motivation fühle ich mich mitten drin. Aber es bleibt auch Zeit, das vergangene Jahr der Selbständigkeit zu analysieren und zu reflektieren.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Ich habe mich kurzerhand, anfangs 2019, in die Selbständigkeit gewagt. Eine bedeutende, berufliche sowie persönliche Veränderung, die mein Arbeitsleben strukturell und mit einem anderen Erwartungsdruck sowie grösserer Verantwortung 180 Grad auf den Kopf gestellt hat. Meine Nonna hat mir dazu ein Zimmer als Büro zur Verfügung gestellt; inklusiv zwei Mal täglich Kaffeepause mit ihr. Und dann kam Corona.

 

Gezwungenermassen musste ich mein Arbeitszimmer aufgeben. Meine Wohnung wurde nun für Home Office zum funktionellen Büro umgestaltet. Mein Esstisch dient jetzt als mobiler Arbeitstisch, mein Couchtisch als Essplatz.

 

Beruflich gab es für mich keine einschneidenden Veränderungen, da auf dem Bau, trotz Corona, das Arbeitsleben wie gewohnt stattfand - nur zu Beginn in einer doch etwas gedämpfteren Stimmung. Klar, Social Distancing ist kein leichtes Unterfangen auf Baustellen. Zum Beispiel einen Plan A4 mit zwei Meter Distanz zu besprechen ist schwierig. Also, jedem einen Plan in die Hand drücken und das Problem ist schon gelöst.

 

Ich fühle mich sehr privilegiert, während der Corona-Zeit meiner Arbeit nachgehen zu dürfen, auch dank der Bereitschaft meines Bauherrn, sein Projekt trotz der unsicheren Zeit realisieren zu wollen. Doch den weiteren Konsequenzen des Coronavirus in den nächstfolgenden Jahren sehe ich mit Respekt entgegen.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt? Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Zu Beginn vermittelten mir die täglichen Horrorgeschichten und steigenden Fallzahlen etwas Bedrohliches. Viele persönliche Kontakte musste ich abbrechen oder auf eine andere Art und Weise pflegen. Das Telefon hat sicher in dieser Zeit an Wichtigkeit gewonnen, denn ich habe noch nie so viele Sprachnachrichten per WhatsApp verschickt. Ich bin überzeugt, die wahren Freundschaften bleiben auch in einer solchen Situation bestehen.

 

Die vermehrte Zeit zu Hause birgt auch positive Seiten in sich. Meiner Kreativität sind weniger zeitliche Einschränkungen im Wege und es entstehen neue (Wohn)Ideen.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Die Natur hat sich sicher in kurzer Zeit erholen können, da die Welt im Stillstand steht. Im Zeitalter der Hektik ein Zeichen der Entschleunigung..

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekte der Krise?

Was mir spontan einfällt ist, dass ich mich gezwungenermassen vermehrt mit virtuellen Kommunikationsmöglichkeiten am PC beschäftigen muss. Man meint ja schlechthin, dass meine Generation keine Probleme mit der Technik/IT hat. Das stimmt bei mir überhaupt nicht, denn ich befasse mich nicht gerne allzu intensiv mit der Digitalisierung.

 

Eine sehr positive wie auch interessante Sache, die mir einfällt, ist unsere Vereinsgründung CREACUMÜN. Wir sind vier junge Architekten und Architektinnen, die die Bedeutung von öffentlichen Räumen und Baukulturerbe im Engadin der Öffentlichkeit näherbringen wollen. Diese Gründung fand an einer virtuellen Sitzung statt - meine erste Erfahrung mit der virtuellen Welt der Video-Konferenzen. Wie sich herausgestellt hat, nicht die letzte.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Es hat nicht immer alles seine Selbstverständlichkeit. Flexibilität und Unkompliziertheit vereinfachen uns in solchen aussergewöhnlichen Situationen das Leben.

 

Der grösste positive Aspekt ist für mich sicher, dass man wieder die kleinen Dinge schätzen lernt. Dass wir überhaupt an die frische Luft gehen dürfen, ist schon etwas Grossartiges. Bis anhin war alles selbstverständlich, wer hätte noch vor Kurzem gedacht, dass ein Virus die ganze Welt derart beherrschen und lähmen kann.

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Es gibt Dinge, die wir eben nicht lenken und planen können. Es ist so, wie es ist und basta! Ein romanisches Sprichwort lautet: "Chi chi va plan, va san." (Wer langsam geht, ist gesund unterwegs.)

 

Zur Autorin:

Adriana Stuppan ist Hochbauzeichnerin und Innenarchitektin. Sie hat sich 2019 in Ftan GR selbständig gemacht und baut zur Zeit für einen Heimweh Randulin (Rückkehrer) in Ardez. Mitarbeit bei Projekten mit dem Architekten Duri Vital. Adriana Stuppan setzt sich für die Werte zur Erhaltung der bestehenden Baukulter und für nachhaltiges Bauen mit ursprünglichen Materialien ein. Seit April 2020 Mitgründerin von CREACUMÜN.

 

www.adrianastuppan.ch

 

 

Lieber Yusuf, vielen Dank, dass Du Dich für dieses Gespräch zur Verfügung stellst.

Wie geht es Dir?

Es geht mir gut. Wenn ich bei den Attributen "Emotionen, Privat, Geschäft und Finanzen" einen Durschnittswert berechnen müsste, käme ich auf eine 8-9 bei einer 10er Skala.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Am Anfang hatte ich kurz eine Art von Angst vor der Krankheit, dann habe ich aber rasch losgelassen und mir gesagt: "Jetzt musst du abwarten." Ich wollte keine Pläne machen - ich konnte auch nicht - mein Zustand war am ehesten vergleichbar mit dem einer angezogenen Handbremse. Doch dann gingen ein paar Lichter an. Kunden haben sich gemeldet und ich war dankbar dafür. Gerade die Reaktionen von Kunden haben mir Klarheit veschafft und ich konnte wieder besser fokussieren.

 

Einschneidend war für mich, dass mein Geschäft an einer gut frequentierten Lage wegen den behördlichen Verordnungen geschlossen bleiben musste.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt? Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Die Kunden, die sich alle gemeldet haben, waren eine sehr positive Überraschung. Ausnahmslos alle haben grosse Empathie gezeigt und haben Aufträge erteilt und Bestellungen aktiviert.

 

Privat fühlt es sich an, wie Ferien auf dem Campingplatz - nur elektronischer Kontakt mit Freunden, Einkaufen in der Migros o.ä.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Für mich ist es zu früh, jetzt schon verbindliche Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekt der Krise?

Mein Motto war immer: Im Zweifelsfall echte Freundlichkeit und Wertschätzung, oder anders gesagt, was ich nun drei Jahre an Kontakten und Verbindungen gesät und gepflegt habe, darf ich nun in grosser Dankbarkeit ernten. Die Kunden bringen mir enorm viel Solidarität und Menschlichkeit entgegen.

 

Frei zu sein von Öffungszeiten und Kontakten im Geschäft hat mir zwar eine gewisse Alltags-Struktur genommen, mich aber gleichzeitig gezwungen, im Backoffice und bei aussergeschäftlichen Terminen einen Zacken zuzulegen. Selber überrascht über dieses Phänomen, kristallisieren sich in meiner Phantasie schon neue Geschäftsmodelle heraus.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Weniger vom Besseren ist mehr!

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Es ist unmöglich alles zu planen. Wenn es regnet, dann regnet es halt (noch). Und ja, man soll sich doch nicht aufregen über Dinge, die gar noch nicht eingetroffen sind.

 

Zum Autor:

Yusuf Sert  ist Interior- und Lichtdesigner. Er besitzt die Firma Interior Atelier Sert. Das Geschäft befindet sich an der Oberdorfstrasse 19 in Zürich.

Mit dem Leitsatz: "Es geht fast immer um Atmosphäre" spezialisiert er sich auf Privat- und Geschäftskunden, mit eigenen Designprodukten und bekannten Design-Labels. Im Sinn der Nachhaltigkeit legt er grossen Wert auf handwerkliche Produktion im Umkreis von ein paar Hundert Kilometern.

 

www.interioratelier.ch

Comment

Back to Overview