Der Blick vom Weissenstein

 

Der Blick vom Weissenstein schweift in Teil 5 Richtung Bündnerland. Zwei Gastgeber, fest verwurzelt im Unterengadin, geben Einblick in den Corona-Alltag und ihre Erwartungen. Ludwig Hatecke, der Meister des edlen Salsiz, und Hotelier Roger Schorta nehmen die Schwierigkeiten mit einer Prise Gelassenheit, denn wie Hatecke sagt: "In den Bergen sind wir es gewohnt, dass es meistens anders kommt als geplant." 

Lieber Ludwig, besten Dank, dass Du Dich für dieses Interview zur Verfügung stellst.

Wie geht es Dir?

Mir geht es sehr gut. Ich kann am Morgen aufstehen, die Familie und Mitarbeiter sind gesund und fast alle sind vollbeschäftigt.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Mein Alltag hat sich nicht gross verändert, weil wir als Metzgerei, im Gegensatz zu vielen Geschäften in der Nachbarschaft, zum Glück alle unsere Läden ausser den Bistros, offen lassen konnten.

 

Ab 15. März konnten wir leider keine Lieferungen an Restaurants und Hotels mehr tätigen. Aber in den Bergen sind wir es gewohnt, dass es meistens anders kommt als geplant. Darum ist für mich immer: Gestern ist Gestern, Heute ist Heute und Morgen ist Morgen!

 

Die grösste Auswirkung für mich ist das gewonnene Bewusstsein, dass alles, was wir in unserer Gesellschaft oft als selbstverständlich erachten, ganz und gar nicht selbstverständlich ist.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt? Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Sehr viele Kunden sind verunsichert! Die Lebensmittelgeschäfte waren oder sind die einzigen Orte, wo sich die Leute noch treffen und sich austauschen konnten. Genau in so Situationen ist es unsere Aufgabe, noch fröhlicher, hilfsbereiter und grosszügiger zu sein als sonst.

 

Am Anfang war es gar lustig zu sehen, wie die Kunden die zwei Meter Distanz gegenüber anderen Kunden abtasteten, sie wussten gar nicht so recht, wo sie sich im Laden platzieren sollten. Mittlerweile funktioniert das fast blind.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Das ist schwierig zu sagen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn es gut geht, gewöhnt man sich schnell daran und hegt immer neue Begehrlichkeiten, wenn es schlecht geht, dauert es ein bisschen länger um sich anzupassen, aber man muss und kann mit der Situation auch leben.

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekt der Krise?

Ich bin eigentlich ein sehr umtriebiger Mensch. Ich studiere Tag und Nacht was man neues, besser, anders, schöner, spezieller machen könnte. Und das muss ich dann gleich umsetzen, wenn möglich am gleichen Tag noch verändern. Auch wenn man dann (oft) in den nächsten Wochen wieder aufs Alte, Bewährte zurückkommt. Meistens immer in demselben Muster. In dieser neuen Situation musste man zum Teil andere Wege nehmen, um ans Ziel zu kommen. Und das bereichert uns alle. Man ist gezwungen, anders zu denken. Für alle, die die Chance nutzen, ist es ein Gewinn.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Dass man auch glücklich sein kann, wenn man nicht alles haben kann. 

 

Die heutige Gesellschaft ist geprägt von Menschen, die nicht eine Sache, sondern sehr viele Tätigkeiten, wenn möglich gleichzeitig, sehr gut machen müssen oder wollen. Und das löst Stress und Unruhe aus.

 

In diesen speziellen Zeiten waren viele Menschen, trotz grosser Ängste und Sorgen, ruhig und konzentriert. Ich denke, dass das Leben kaum lang genug ist, um nur eine Sache gut zu machen.

 

Wir haben wahrscheinlich am Schluss gegen 100 Milliarden verprasst. Das ist für ein kleines Land sehr viel Geld. Dabei wäre es doch hilfreich, auch einmal zu überlegen, wie das (Finanz)Polster zustande gekommen ist. Nämlich durch mutige Unternehmer mit sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern. Dazu eine freie Marktwirtschaft in einem sehr schlanken Staat mit wenig Hindernissen. Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt, um sich zu fragen, ob wir immer noch auf diese Vorteile zählen können.

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Ich empfehle, die Ferien im naturbelassensten Tal der Alpen mit seinen besterhaltenen alten Dörfern zu verbringen - im Engadin!

 

Zum Autor:

Ludwig Hatecke  - Metzger mit Leib und Seele - führt in 3. Generation, zusammen mit seiner Frau Simone und seinem Sohn David, die Familien-Metzgerei. Der Ästhet unter den Metzgern hat sein Handwerk neu geprägt. Er versteht es wie kein anderer, Fleischstücke zu wahren Kunstwerken werden zu lassen und lässt seine Gäste visuell und lukullisch daran teilhaben.

Am 07.07.2017 um 07:07h eröffnete "Hatecke" sein neustes Geschäft am Löwenplatz in Zürich.

 

www.hatecke.ch 

Lieber Roger, vielen Dank, dass Du Dich für dieses Gespräch zur Verfügung stellst. 

Wie geht es Dir?

Mir geht es eigentlich sehr gut. Im Unterengadin ist man in einer privilegierten Lage. Bei uns herrscht immer noch eine "heile Welt". Es fehlt uns an nichts.

 

Wie hat sich Dein Alltag verändert?

Für uns als Familie mit zwei Kleinkindern ist dies eine tolle Zeit. Man macht fast alles zusammen, vom Frühstück bis zum Nachtessen. Anfänglich fühlten wir uns von der vielen "Freizeit" fast erschlagen, doch die Tage vergehen wie im Flug. Wir "müssen" nun als Hoteliers selber kochen; schön, aber zeitintensiv. Das sind wir uns nicht gewohnt. So wird das Einkaufen im Volg praktisch zum Highlight der Woche.

 

Unser Alltag fehlt uns natürlich. Innert weniger Tage wurde der Kontakt zu unseren Gästen und unseren Angestellten auf null heruntergefahren. Als Gastgeber schätzt und braucht man diesen Kontakt. Anfänglich waren wir wie gelähmt und demotiviert. Dies hat sich nach ein paar Tagen aber gelegt und wir haben einfache Strukturen aufgebaut. Viele Pendenzen, die wir  aufgeschoben hatten, konnten dank Corona erledigt werden.

 

Wie hast Du seit Anfang März Dein engeres Umfeld erlebt. Hat sich die Qualität dieser Beziehungen verändert?

Die Beziehung mit unseren Familien und Freunden hat sich bis auf das Social Distancing nicht verändert. Natürlich freut man sich darauf, dass man wieder zusammen etwas unternehmen kann.

 

Als kleines familiengeführtes Hotel ist für uns die persönliche Nähe zum Gast das, was uns ausmacht. Eine Begrüssung/Verabschiedung ohne Handschlag ist daher sehr gewöhnungsbedürftig. Die Nähe zum Gast und das Vertrauen anderen Menschen gegenüber nehmen so ungewollt ab. Kurz vor dem Lockdown gab es Gäste, die unbedingt noch kommen wollten, doch extreme Angst hatten. Wir versuchten, das Beste und Mögliche aus der Situation zu machen. Der Lockdown brachte am Ende für alle klare Verhältnisse.

 

Was sind aus Deiner Sicht die nachhaltigsten Konsequenzen von Corona?

Regionalität ist in der Gastronomie schon lange ein grosses Thema und ein Erfolgskonzept. Das muss jetzt auch für andere Branchen zum Thema werden. Man wird darüber nachdenken müssen, wie viel man vom Ausland abhängig sein will oder ob man wieder vermehrt vor Ort produzieren will, bzw. kann.

 

Wir hoffen, dass die Gäste die Schweiz als Urlaubsland wieder neu entdecken. Es liegt danach an uns, dafür zu sorgen, dass es nicht nur bei einer Entdeckung bleibt. Da können wir uns wirklich beweisen!

 

Schlussendlich gehe ich aber davon aus, dass fast alles nach der Krise seinen gewohnten Gang gehen wird. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wird in sein altes Muster zurückfallen.

 

Gibt es für Dich auch positive Aspekte der Krise?

Die Krise ist ein Stresstest und zeigt uns, ob wir als Unternehmung dies aushalten können oder nicht. Wichtig ist, dass man die Situation analysiert und wenn nötig nachbessert. Als Unternehmer ist das sehr interessant. Bezogen auf unser Angebot sehe ich im Moment nicht viel Positives. Wir leben von den Menschen, die zu uns kommen wollen und uns als Gastgeberfamilie schätzen. Dies können wir nicht ins Internet auslagern. Solange das Virus noch wütet, bleibt die Lage schwierig.

 

Welches sind die Lehren, die wir aus der Corona-Krise ziehen sollten?

Es ist faszinierend, wie schnell sich eine gewohnte Sicherheit ändern kann. Plötzlich merken wir, dass wir vulnerabel und angreifbar sind. Schön ist auch zu sehen, wie stark wir andere Menschen brauchen. Es spielt sich nicht alles Online ab. Wir brauchen einander viel mehr als gedacht.

 

Wie lautet Dein Appell oder Leitsatz an die Öffentlichkeit?

Zusammen können wir auch diese Krise überstehen. Wir brauchen Zeit und Geduld. Dies sind aber alles Dinge, die wir heutzutage nicht mehr haben und kennen. Da müssen wir ansetzen.

 

Zum Autor:

Roger Schorta führt zusammen mit seiner Frau seit 2010 den elterlichen Hotelbetrieb Alvetern. Ankommen und die Seele baumeln lassen - nicht zufrieden stellen, sondern begeistern - seit 40 Jahren das Versprechen an die Gäste. www.alvetern.ch

 

 

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Schuler Johanna & Xaver

Wir haben uns riesig gefreut über eure News und die Mini Serie. Auch alle Neuigkeiten finden wir sehr interessant. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!!!!! Mit herzlichen Grüssen J.&X. Schuler

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