Tea@Weissenstein

 

Andri Silberschmidt

ist ein Senkrechtstarter in der Schweizer Politik. Der 25jährige Zürcher ist seit zwei Jahren Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz, im Jahr 2018 wurde er in den Zürcher Gemeinderat gewählt. Vor kurzem hat ihn die FDP des Kantons Zürich als Kandidat für die Nationalratswahlen nominiert. Andri arbeitet als Fondsmanager bei Swisscanto und ist an einem Gastro Startup beteiligt.

 

Wir schätzen Menschen mit Charakter und Meinung. Deshalb fragen wir konkret nach, was ihn bewegt und erfolgreich macht.

 

 

Mit 25 Jahren schon Fondsmanager

Sie arbeiten bei Swisscanto und verwalten einen Aktienfonds. Was ist genau Ihre Tätigkeit?

 

Ich bin im Systematic Strategy Team zuständig für zwei Emerging Markets Fonds. Wir verfolgen ein quantitatives, wissenschaftlich fundiertes Modell, das aus einer Kombination von Faktoren wie Bewertung, Momentum und Qualität besteht. In der Portfoliokonstruktion unterstützen uns Optimierungsalgorithmen bei der Suche nach dem besten Verhältnis von Rendite und Risiko. Wir reduzieren in unserer "Responsible" Fondspalette den CO2 Fussabdruck des Portfolios um 30%, um so die zunehmende Nachfrage nach verantwortungsvollen Anlagen abzudecken.

Diese Massnahme liegt mir persönlich sehr am Herzen. Es ist ein gutes Beispiel, wie die Privatwirtschaft (rsp. die Finanzbranche) einen wertvollen Beitrag für eine nachhaltigere Wirtschaft leisten kann.

 

Fondsmanager ist man nicht einfach im Nebenamt. Üblicherweise braucht es einige Jahre Erfahrung, um die Verantwortung für einen Fonds zu bekommen.

 

Gleich nach dem Abschluss meiner Banklehre bin ich ins Asset Management gestossen, mithin habe ich nun bereits sieben Jahre Erfahrung in der Verwaltung institutioneller Anlagen. Wir arbeiten im Team mit sechs Personen und auf der Basis von quantitativen Modellen in einem sehr sachlichen Umfeld. Emotionen in unseren Anlageentscheiden sind nicht gefragt.

Bei Swisscanto arbeite ich in einem 90% Pensum. Weiter werde ich pro Jahr maximal 22 Tage für mein öffentliches Amt freigestellt, was mir ermöglicht, mein Mandat als Gemeinderat abzudecken.

 

Vor zehn Jahren, am 9.3.2009, erreichte der SPI mit 3'621 Punkten den tiefsten Stand im Zug der Finanzkrise. Seither hat sich der Wert des Index verdreifacht. Die Rendite 10jähriger Eidgenossen ist von 2.5% auf -0.4% gefallen. Wie schätzen Sie das Anlageumfeld ein?

 

Sorgen bereitet mir das geopolitische Umfeld. Der Handelsdisput zwischen den USA und China zeigt exemplarisch, dass sich die Gewichte im globalen Kontext verschieben. 

Privat finde ich Direktanlagen im Startup Bereich, wie ich es z.B. mit meinem Unternehmen Kaisin mache, spannend. Ich sehe gerade hier in Zürich viele tolle Projekte. Auf diese Art zu investieren ist für mich sinnstiftend, ich bin näher an der Investition dran und sehe unmittelbar den Impact, der entsteht.

 

 

 

"Die Investition in ein Startup ist für mich sinnstiftend - ich bin näher dran und sehe unmittelbar den Impact, der entsteht"

 

 

Der Unternehmer, der gern in Sichtbares investiert

Sie sind Mitgründer eines Gastro Startups. Mit "Kaisin" surfen Sie auf der urbanen Wellbeing Foodwelle mit. Die Konkurrenz ist gross. Gärtnerei, Dean&David, Ona Poke - um einige zu nennen, kämpfen um das gleiche Publikum. Haben sich Ihre Erwartungen bisher erfüllt?

 

Dass es uns nach zwei Jahren noch gibt ist toll und hätte ich mir nie gedacht, als wir mit einem Pop-Up gestartet sind. Wir hatten beim Start keinen Investor und selber auch kein Geld in das Konzept investiert, sondern die Lieferantenrechnungen zur Seit gelegt und mit den laufenden Einnahmen beglichen.

Wir mussten somit mehr oder weniger ab Tag 1 profitabel sein, um zu überleben. Nach vier Monaten Pop-Up konnten wir eine GmbH gründen und denken nun über eine Umwandlung in eine AG nach und werden das erste Mal selber Geld investieren, um das Wachstum zu finanzieren.

Es macht Spass, eine solche Reise mit einem jungen Unternehmen strategisch begleiten zu dürfen. Operativ hat vor einem halben Jahr einer unserer Co-Gründer das Zepter übernommen, was nochmals einen grossen Schub gegeben hat. Wir beschäftigen über 10 Mitarbeitende an drei (bald vier) Standorten in Zürich und Basel.

Es ist ein spezielles Gefühl, mit einer "Ferienidee" plötzlich so viel Verantwortung wahrzunehmen.

 

Um den Bogen zu Ihrer Wahlkampagne zu schlagen: Welches ist Ihr Rezept, um jene Wähler zu gewinnen, die lieber bei der SVP zum Buurezmorge vorbeischauen?

 

Gute Frage (lacht)! Mein Glück ist, dass ich im Zürcher Oberland eher ländlich aufgewachsen bin und somit sehr gut die Herausforderungen der Agglomerationen nachvollziehen kann. Seit drei Jahren wohne ich zwar in der Stadt, aber ich denke, der Spagat gelingt mir gut. 

Auch die Menschen, die an ein Buurezmorge gehen, haben ein Interesse an einer intakten Umwelt und Infrastruktur, einer sanierten Altersvorsorge, lebendigem Unternehmertum mit Jobs für morgen und einer intelligenten Raumplanung. Für all diese Themen stehe ich ein - in der Stadt und auf dem Land.

 

 

 

Die Sicht des Politikers

 

Wie sieht das Verhältnis Schweiz / EU in 25 Jahren aus?

 

Die Schweiz wird nicht Mitglied der EU sein. Der Anpassungsdruck auf unser Land bleibt allerdings hoch.Dort, wo wir mitmachen wollen, müssen wir uns den Regeln der EU anpassen. Das heisst aber nicht, dass wir auch als kleines Land nicht den Verhandlungsspielraum nutzen sollen. Gerade das aktuelle Beispiel um die Anpassungen beim Waffenrecht zeigen, dass wir relativ massgeschneiderte Kompromisse herausholen können.

Man muss es noch einmal klar festhalten: die EU ist mächtiger als die Schweiz und wird in dieser Position einen Machtpoker immer für sich entscheiden. Wichtig ist, dass wir uns auf kluge Art und Weise anpassen und die Vorzüge unserer direkten Demokratie bewahren.

 

Rahmenabkommen: Ja oder Nein?

 

Ich befürworte den Abschluss des Rahmenabkommens. Allerdings sind die berechtigten Vorbehalte zur Unionsbürgerrichtlinie und die Streitschlichtung im Zusammenhang mit dem EuGH mit Zusatzprotokollen zu präzisieren. Neuverhandlungen innerhalb dieses Mandates sind nicht realistisch.

 

Die SNB kassiert jährlich CHF 2 Mrd. Negativzinsen. Die Belastung für die Finanzindustrie steigt. Die Vorsorgewerke haben Mühe, ihre Renditeziele zu erreichen und zu guter Letzt hat das billige Geld zu einer gewaltigen Ausweitung des Hypothekarvolumens  geführt (2018: CHF 1.064 Billionen (!) bei einem BIP von CHF 690 Mrd.). Wo ist die Grenze erreicht, bei der die Kosten dieser Politik den Nutzen (Schwächung CHF) übersteigen?

 

Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, dass die Ausweitung der SNB Bilanz ein brandgefährliches Unterfangen ist und Negativzinsen konzeptionell nicht zu rechtfertigen sind (insbesondere solange es Bargeld gibt). Nun hat die Bank eine Bilanzsumme von nahezu 800 Mrd. Franken. Das kann temporär gut gehen, wie der jüngste Quartalsabschluss zeigt. Aber aus längerfristiger Optik muss man sich sorgen, wie diese Geldpolitik ohne Kollateralschäden wieder normalisiert werden kann.

 

Die Schweiz leistet sich eine ausserordentlich teure Landwirtschaft. Gemäss Avenir Suisse sind es 20 Milliarden Franken pro Jahr. Die Abschottung des Agrarmarktes ist ein Hauptgrund, dass es mit weiteren Freihandelsabkommen (z.B. USA) harzt. Wo sehen Sie Ansatzpunkte?

 

Zur Landwirtschaftspolitik haben wir Jungfreisinnigen ein Positionspapier mit fünf ganz klaren Forderungen erarbeitet. Konkret verlangen wir:

  1. Die Einführung des Agrarfreihandels
  2. Vollständige Öffnung der Märkte für landwirtschaftliche Produkte
  3. Schrittweiser Abbau von Zahlungen für gemeinwirtschaftliche Aufgaben
  4. Keine Verlängerung des Gentech-Moratoriums
  5. Und generell Förderung innovativer Technologien

Die Kosten des Gesundheitswesens sind zunehmend untragbar. Fast ein Drittel der Bevölkerung bezieht KK Prämien-Vergünstigungen. Die Politik ist unfähig, Lösungen zu finden. Welche Massnahmen zur Dämpfung der Kostenentwicklung könnten Sie unterstützen?

 

 

Wahlchancen Nationalrat

Neuerdings gibt sich die FDP einen einen grünen Anstrich. Wird das genügen, um bei den Wählern zu punkten? Welches sind Ihre Erwartungen für die FDP im Herbst?

 

 

Tatsächlich hat die Mitgliederbefragung gezeigt, dass ökologische Themen in der FDP Basis eine hohe Priorität geniessen. Allerdings ist Vorsicht bei voreiligen Schlussfolgerungen angezeigt, denn die Probleme in der Altersvorsorge oder die Europapolitik finden sich auf der Prioritätenliste noch vor dem Klimaschutz.

Aber es ist klar: wir von der FDP müssen dem Wähler besser erklären, dass mit marktnahen und innovativen technischen Lösungen dem Klima besser geholfen ist, als mit Verboten und Staatseingriffen. Für den Herbst bin ich optimistisch gestimmt. Die gute Arbeit der FDP in den letzten Jahren wird Früchte tragen.

 

Bei der FDP treten die Bisherigen wieder an. Das heisst, Sie persönlich müssen einer anderen Partei einen Sitz abnehmen, um reelle Chancen auf ein Mandat zu haben.

 

die Ausgangslage ist anspruchsvoll. Natürlich erhoffe ich mir, den Sprung ins Parlament direkt zu schaffen. Zu bedenken gilt es aber, dass vor wie auch hinter mir auf der Liste prominente und sehr verdiente Parteikolleginnen und -kollegen zu finden sind. Es wartet viel Arbeit auf mich und mein Wahlkampfteam in den nächsten Monaten. Wir freuen uns aber auf die Herausforderung und die Begegnungen mit den Wählern im Kanton Zürich. Eine Wahl wäre eine schöne Überraschung.

 

Beim Blick in die (sozialen) Medien erhält man den Eindruck, dass Bewegung in die junge Wählerschaft kommt. Einige Jungpolitiker machen lautstark und teilweise provokativ auf sich aufmerksam. Mit der Operation Libero ist sogar eine überparteiliche Bewegung in kurzer Zeit populär geworden. Ist jetzt das Zeitalter der Millennials in der Politik endgültig angebrochen?

 

Die Jungen sind immer besser und schneller informiert und wissen, wie sie im Internet für ein Thema mobilisieren können. Es war noch nie so einfach wie heute, sich zu vernetzen, Gleichgesinnte zu treffen und für eigene Forderungen einzustehen. Dass immer mehr Junge davon Gebrauch machen, freut mich sehr, auch wenn sie nicht immer meine Meinung teilen.

 

Sind Sie als Politiker richtig positioniert? Kapitalismus-Kritik ist en vogue, insbesondere in jüngeren Wählerschichten.

 

Meine Positionierung ist aus Überzeugung und nicht aus Opportunismus. Dennoch merke ich, wie vermehrt Junge auch wieder für liberale, also freiheitliche Ideen zu gewinnen sind. Immer mehr wollen etwas unternehmen und stören sich an den vielen Regeln oder sehen, wie unsere Altersvorsorge einfach nicht nachhaltig aufgestellt ist. Hier finden sie keine Lösungen bei der Juso, sondern bei uns. Jung, urban, lösungsorientiert, liberal - dieses Profil spricht viele an, auch in meiner Eltern- und Grosselterngeneration.

 

Sie geniessen viel Goodwill in den Medien und verhalten sich, entschuldigen Sie den Ausdruck, entsprechend stromlinienförmig. Sind Sie auf dem Weg zum Berufspolitiker?

 

Obwohl ich erst 25 Jahre jung bin, politisiere ich seit acht Jahren und habe in dieser Zeit viel dazugelernt. Ab und zu kommt man fast zu stark in eine Routine und spricht wie ein Politiker (lacht)! Ich habe mir aber vorgenommen, im Wahlkampf klare und verständliche Positionen zu besetzen.

 

Danke für dieses Gespräch und Ihre offenen Antworten. Bewahren Sie sich Ihre eigene Meinung und Ihr Engagement. Wir wünschen Ihnen alles Gute auf Ihrem beruflichen und politischen Weg.

 

 

In unserer Kolumne "Politik" nehmen wir Themen auf, die von Interesse für Anleger oder die Leser unseres Blog sind - mit einem Bezug zu Wirtschaft und Finanzen.

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